Interview geführt von Nina Diener, Kirchenkreis zwölf

Zwei Jahre war Alishah Sultani auf der Flucht, bevor er in der Schweiz ankam. Alishah ist 19 Jahre alt und kommt aus Afghanistan, genauer aus Ghazni, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, etwa 100 km südlich von Kabul gelegen. Die Stadt liegt auf 2219 m ü. M. und hat ca. 270 000 Einwohner. Die Provinz liegt strategisch wichtig zwischen Kabul und Kandahar. Sie ist ein bisschen grösser als die halbe Schweiz und hat fünfeinhalb Mal weniger Einwohner. Vor gut zwei Jahren sind die Taliban in der Stadt Ghazni einmarschiert.

Alishah gehört der ethnischen Gruppe der Hazara an und ist Schia (schiitische Konfession, die zweitgrösste religiöse Strömung im Islam). Er spricht Dari, neben Paschtu die zweite Amtssprache in Afghanistan, die auch in den angrenzenden Regionen von Pakistan und dem Iran gesprochen wird. Nach dem Fall der Dynastie der Safawiden und der Gründung des modernen Afghanistans (18. Jh.) stellten die Hazaras eine Minderheit dar und wurden immer wieder Opfer von Diskriminierung und Ziel von Anschlägen, vorwiegend durch radikalislamistische terroris­tische Organisationen.

Grüezi Alishah. Es freut uns, dass Du Dich bereit erklärt hast mit uns dieses Gespräch zu führen. Wie ist das Leben in einer Stadt, wo Krieg herrscht?
Man weiss nie, was passiert. Wir werden aufgrund unseres Glaubens und unserer Herkunft angefeindet. Es kann passieren, dass man einfach so erschossen wird. Mit dieser Angst zu leben, ist schlimm. Begegnungen mit Talibans sind unberechenbar. Sie tragen immer ein Gewehr mit sich. Man versucht auszuweichen oder nicht allein unterwegs zu sein. Seit meiner Geburt kenne ich kein anderes Leben.

Mutig von Dir, die Flucht ins Ungewisse anzutreten. Magst Du uns davon erzählen?
Es war eine schwere Entscheidung. Aufgrund der Ereignisse bin ich mit 16 Jahren geflohen! Zuerst in den Iran. Dort habe ich gearbeitet, zwölf Stunden am Tag, bekam aber nur die Hälfte des Lohnes. Dann hatte ich einen Arbeitsunfall. Niemand kümmerte sich darum. Afghanen und Pakistani werden im Iran als billige Arbeitskräfte missbraucht. Es ging mir schlechter als zuhause.
So habe ich beschlossen weiterzuziehen. Zurück nach Afghanistan konnte und durfte ich nicht. Meine Ausweispapiere hatte ich aus Sicherheitsgründen vernichtet. Weiter ging meine Reise mit dem Auto während zwei­einhalb Monaten quer durch die Türkei. Dann mit einem Gummiboot, auf dem circa 65 Personen zusammengepfercht waren, nach Griechenland, wo ich auf der Insel Chios landete.
Wenn ich ich heute Bilder und Berichte über Lesbos sehe, werde ich schmerzlich an die schlimmen Bedingungen erinnert, die damals auf Chios herrschten. Ich hatte Glück, bald ging die Reise weiter über Athen und erneut mit einem Boot nach Italien. Wo genau in Italien, weiss ich nicht, da ich die Örtlichkeiten nicht kannte und die Sprache nicht verstand. Die nächste Station war Mailand. Dort wurde ich in einen Zug gesetzt, ausgestattet mit einem Ticket nach Deutschland.
Fälschlicherweise bin ich dann in Zürich aus- anstatt umgestiegen und somit «endlich» nach zwei langen Jahren «angekommen». Hier habe ich einen Asylantrag gestellt. Mein erster Aufenthaltsort war in Kreuzlingen. Von da bin ich immer wieder umge­zogen von Camp zu Camp und schluss­endlich in Zürich gelandet. Meine Aufenthaltsbewilligung ist VA/F-Ausländer. Ohne Ausweis­papiere kann ich nicht beweisen, dass ich aus Afghanistan komme. Ob ich bleiben kann oder nicht, weiss ich nicht. Ich versuche diesen Umstand auszublenden.

Wie geht es Dir in der Schweiz?
Anfangs ging es mir nicht gut. Ich war überfordert und das stresste mich sehr. Ich wollte zurück, nach Hause. Weil ich nicht volljährig war, ging das nicht. Ich vermisste und vermisse immer noch vieles von daheim. Langsam fange ich an, meine Situation zu akzeptieren.

Wie sieht Deine Zukfunft aus?
In Ghazni habe ich 9 Jahre lang die Schule besucht (12 Jahre sind obligatorisch, danach geht man an die Uni oder arbeitet). Hier besuche ich die Berufsvorbereitung an der Viventa, lerne Deutsch und bewerbe mich für eine Lehrstelle als Koch.
(Anm. der Interviewerin: Alishah spricht sehr gut Deutsch, drückt sich gewählt und differenziert aus.)

Was sind Deine Hobbys?
Sport bedeutet mir viel. Meine Leidenschaft ist das Kickboxen. Wegen Corona kann ich nicht trainieren, das fehlt mir zurzeit sehr. Ich bin oft mit dem Velo unterwegs und gehe joggen. Ich koche täglich frisch und achte auf die Ernährung, weil ich eine Laktoseintoleranz habe.

Was ist Deine Botschaft an die Menschen?
Ich war so kurz vor dem Tod und habe viel im Leben gesehen und gelernt. Ich wünsche mir, dass alle Grenzen und Unterschiede abgeschafft werden, für mich ist jeder Mensch gleichwertig, egal welcher Herkunft. Ich versuche stark zu sein für andere, für schwächere Menschen.

Vielen Dank, Alishah, für das Interview und Deine bewegenden Worte!

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