Von Pfarrer Matthias Reuter

In diesem Frühjahr blüht bei uns Pfarrgarten eine wunderschöne blaue Himmelsleiter, auch Jakobsleiter genannt. Ich habe sie im letzten Jahr auf dem Wildstaudenmarkt hier in Horgen gekauft – einfach, weil ich den Namen so schön fand. Ich wusste nichts über die Pflanze. Inzwischen freue ich mich über die wunderschönen himmelblauen Blüten mit langen, auffallend gelb gefärbten Staubblätter. Noch mehr freut mich, dass nicht nur ich die Himmelsleiter mag, sondern sie auch bei vielen Insekten wie Bienen, Hummeln und Schmetterlingen begehrt ist. Der Name der Pflanze leuchtet mir ein: Die länglichen, gefiederten Blätter wirken wie kleine Leitern.

Zum anderen erinnert der Name an eine biblische Geschichte, in der Jakob von einer Himmelsleiter träumt: Der biblische Jakob hat so einiges auf dem Kerbholz. Er hat betrogen – seinen Bruder und seinen alten Vater. Ergaunert hat er sich von seinem blinden Vater den Segen, der seinem älteren Bruder Esau zugestanden hätte. Und verbunden mit dem Segen auch allen Besitz des Vaters. Jakob weiss um seinen Betrug, er hat ihn ganz bewusst begangen; und er ist nicht mehr rückgängig zu machen. Auch wenn der Vater schier verzweifelt und der Bruder platzt vor Wut. Also flieht Jakob aus Angst vor der Rache seines Bruders. Richtung Osten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang führt ihn sein Weg. Es wird dunkel. Weit und breit kein Haus, keine Hütte, die Unterschlupf bietet, nur eine verlassene Stätte mit ein paar Steinen. Das muss reichen.

Jakob schläft ein und beginnt zu träumen. Eigentlich müsste Jakob Albträume haben, auf der Flucht vor dem Bruder, den er hintergangen hat. Auf der Flucht vor sich selbst. Doch Jakob wird ein wunderschöner Traum geschenkt. Er träumt von einem offenen Himmel, von einer Leiter, die vom Himmel bis auf die Erde reicht, auf der Gottes Boten hinauf- und hinabsteigen. (Gen 28,12ff). Mehr noch: In seinem Traum hört Jakob Gottes Stimme, die ihn segnet: Ich bin mit dir und werde dich behüten, wohin du auch gehst.

Gottes Segen für Jakob zeigt mir, dass Gott frei darin ist, wem er sich wann, wo und wie zeigt und wem er seinen Segen zukommen lässt. Auch Menschen mit keiner blütenweissen Weste. Wer hat die schon? Gott richtet nicht nach den Buchstaben des Gesetzes. Was wäre dann aus Jakob geworden? Was würde aus mir? Gott hat andere Massstäbe als wir Menschen. Und vor allem ist Gott barmherzig. Und darum müssen wir auch nicht immer so streng mit uns sein, wenn Gott uns doch segnet.

Fotos: Matthias Reuter.

Ein Kommentar zu „Die Himmelsleiter – im Garten und in der Bibel

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