von Pfarrer Christoph Strebel, Kirchenkreis sieben acht

Seit den Einschränkungen wegen der Covid-19 Ansteckungsgefahr spielt im Lenggquartier im Kreis acht jeden Abend jemand Posaune. Das Repertoire erstreckt sich von Popmusik über klassische Werke bis zu Gelobt sei Gott im höchste Thron. Und er spielt gut.

Ich warte fast jeden Abend darauf, die Posaune wieder zu hören, und frage mich, was er wohl heute spielen wird. Gestern hat er nicht gespielt. Oder habe ich ihn überhört?

Bis heute hat er oder sie sich all meinen Ortungs- und Entlarvungsversuchen erfolgreich widersetzt. Die akustischen Verhältnisse sind auch so, dass die Töne einmal von da, dann wieder von dort zu kommen scheinen. Machmal scheinen sie ganz nah, dann kommen sie wieder aus der Ferne.

Dieser Mensch nimmt sich die Narrenfreiheit einfach so vor sich hin zu spielen. Er hätte ein viel grösseres Publikum verdient und auch erreichen können, hätte er die Termine seiner Ständchen publiziert. So spielt er nur für die, die zufällig gerade da sind und sich die Zeit nehmen zuzuhören.

Wer immer das auch ist, der spielt, ich möchte mich bei ihm oder bei ihr für das regelmässige Geschenk bedanken. Denn es ist ein Geschenk: Eine verschwenderische Geste, durch keinen vermeintlich tieferen Sinn verdorben, unberechenbar, aber doch irgendwie immer wieder erwartet.

Wenn man mich während meines Theologiestudiums nach meinem Berufswunsch gefragt hätte, hätte ich lange Zeit spontan geantwortet: Hofnarr. Nun ist dieser Beruf leider ausgestorben und ich bin schliesslich doch Pfarrer geworden.

Verstehen Sie mich richtig; ich habe nichts gegen vernünftige Überlegungen am richtigen Ort. Aber, wo die Vernunft in eine Sackgasse geraten ist, da hilft nur noch Narrheit als Ausweg aus der Misere.

Jesus wurde zum Gespött, so sehr hat er sich zum Narren gemacht mit seiner weltfremden Rede vom Reich Gottes und hat uns so einen Ausweg aus der menschlichen Sackgasse eröffnet.

Pfingsten ist der Geburtstermin der Kirche. Lukas beschreibt in seiner Apostelgeschichte, wie der Heilige Geist über die Jünger und Jüngerinnen kam:

Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen; und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder. Und sie wurden alle erfüllt von heiligem Geist.

(Lukas 2,1-4)

Die babylonischen Sprachverwirrung schien für einen Moment ausser Kraft gesetzt, eine grosse Völkerverständigung sich anzubahnen. Aber statt sich darüber zu freuen, reagierten die Menschen in Jerusalem ganz anders: Die einen waren schlicht überfordert und ratlos, die anderen taten das Tun der Jünger als sinnloses Geschwätz Betrunkener ab:

Die sind voll süssen Weins.

(Apg 2,13)

Seither ist die Kirche leider zur Vernunft gekommen. Niemand könnte uns mehr für Betrunkene halten. Wo närrische Ideen keimen wollen, werden sie konzipiert, budgetiert, bewilligt, geplant, organisiert, koordiniert, publiziert und schliesslich ausgewertet. Und regelmässig sterben närrische kleine Gesten wie das Posaune-Spielen am Abend den unvermeidlichen Kältetod der Institution.

Närrisch ist, wer dem Heiligen Geist vertraut und damit rechnet, dass Gemeinschaft und Kirche nicht organisiert werden müssen, sondern entstehen.

Ich wünsche uns den Mut, uns öfter zum Narren zu machen, denn – um mit dem Apostel Paulus zu sprechen: Diese Narrheit ist weiser als alle Weisheit der Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.