von Angelika Steiner Kirchenkreis zwei

«Wenn ich sterbe, wird die Kirche leer sein, es wird niemand kommen.» Lilly sass an ihrem Stubentisch und betrachtete den köstlichen Geburtstagskuchen, der vor ihr lag. Hans, ihr Mann, schwieg und bewegte sich weiter zwischen Kaffeemaschine und Gästen hin und her. Wir sprachen nicht das erste Mal über ihre Beerdigung und auch nicht über ihre Befürchtung, dass niemand an die Abdankung kommen könnte, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Ich fragte sie: «Lilly, wieso sagst du das? Du lebst schon so lange in Leimbach, die Menschen kennen und mögen Dich, Du hast so viele Jahre im Kirchenchor mitgesungen, du warst immer, wenn möglich, an allen Veranstaltungen im Quartier dabei, wie zum Beispiel im Theater und an Männerchorkonzerten. Wieso sagst Du das immer wieder?» «Ich kann es Dir nicht sagen. Ich weiss es einfach. Es wird niemand kommen, um Abschied zu nehmen. Die Kirche wird leer sein.»

An dieser Stelle wechselten wir, wie so oft, das Thema und sprachen über den Alltag und die Neuigkeiten aus dem Quartier. Hans servierte weiter Kaffee und Kuchen, da laufend neue Gäste eintrafen. Nach einiger Zeit löste sich die Geburtstagsrunde auf.

Mit Hans war sie nun fast 70 Jahre verheiratet und fast so lange lebten sie auch in Leimbach. Sie freute sich darauf, ihr 70-jähriges Jubiläum am 26. August 2020 zusammen mit Hans zu feiern. Voller Respekt und tiefer Bewunderung beobachtete ich die beiden. In all den Jahren mussten sie gemeinsam einige Schicksalsschläge  meistern. Den Tod ihres Sohnes Hanspeter zu akzeptieren, war das Schwerste überhaupt. Der Schmerz über diesen Verlust war stets spürbar und gehörte von da an zu ihrem Leben.

Auch wenn Lilly von vielen körperlichen Einschränkungen und Schmerzen geplagt war, versuchte sie, am gesellschaftlichen Leben weiter teilzunehmen und freute sich auf ihr Jubiläum, in der Hoffnung,  noch genügend Kraft zu haben, dieses Fest zu geniessen. Sie schätzte sehr, dass Ihr Hans gesundheitlich noch recht fit war. So konnte er sich um den Haushalt kümmern und musste das Autofahren auch nicht so schnell aufgeben. Irgendwann wurde es aber zu viel und sie entschlossen sich, gemeinsam ins Alterszentrum zu ziehen.

wird die Kirche leer sein.

Auch als ich Lilly vor ein paar Wochen in ihrem neuen Daheim im Alterszentrum besuchte, sagte sie wieder diesen Satz: «Wenn ich sterbe, wird die Kirche leer sein.»

Sie starb am 28. März, ein paar Monate vor ihrem 70. Hochzeitstag. Ihr Lebenskreis ist nun vollendet, sie ist zurück bei ihrem Schöpfer und ihrem Sohn, woran sie immer glaubte.  Auf dem Friedhof standen neun Personen um die Urne, inklusive Friedhofgärtner und nahmen im kleinen Kreise von ihr Abschied. Wegen Corona mit 2 Meter Abstand und die Kirche war leer, wie sie es immer voraus sagte.

Die Gedenkfeier fällt aber nicht aus, sie wird einfach zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden und die Kirche wird dann nicht leer sein. Alle werden sie an Lilly denken und ihr Leben rückblickend zur Sprache bringen. Der Kirchenchor wird ihre Lieblingslieder singen und wir werden dann zu ihrem Konfirmationsspruch von ihr Abschied nehmen.

 «In mir habt ihr Frieden, in der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.»

Joh. 16, 33

Wir werden nicht nur Lilly, sondern all die Menschen, die unsere Welt in diesen Wochen verlassen haben, nochmals in unsere Mitte nehmen und uns an sie erinnern. Wir wollen uns dann gegenseitig trösten und wieder in den Arm nehmen und uns nahe sein. Egal, ob dies im Sommer, im Herbst oder an ihrem ersten Todestag sein wird.

Was immer die Beweggründe für die Voraussage von Lilly waren, es ist genauso eingetroffen.  Für sie ist das aber nicht mehr wichtig, denn sie ist jetzt in der Welt des Friedens, wie immer sie sich diese Welt des Friedens vorstellte.

Jesus spricht von einem Frieden, der unsere Vorstellungskraft sprengt, ein Friede, den wir hier auf dieser Erde vermissen. Aber es gibt ihn. Darauf dürfen wir hoffen und vertrauen. Und daran sollen wir bereits jetzt und heute mitwirken. Es ist nicht der Horizont, der unsere Erde begrenzt und nicht der Tod, der ein Leben beendet. Es sind die Erinnerungen, der Glaube, dass es mehr gibt als wir sehen und sind.

Auch wenn ich zusammen mit Hans und seiner Familie traurig bin über den Tod von Lilly, so freue ich mich, sie und ihr Leben zu einem späteren Zeitpunkt nochmals zu würdigen und zwar in einer Kirche, die dann belebt sein wird, mit Menschen, die sie kannten und sich von ihr verabschieden werden.

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