Von Pfarrer Ueli Greminger, Kirchenkreis eins, Kirche St. Peter

Im Livestream-Gottesdienst vom 19. April im St. Peter habe ich die Frage nach dem tieferen Sinn der Corona-Katastrophe gestellt und habe die Gemeinde eingeladen, eigene Gedanken dazu aufzuschreiben. Es hat mich mit grosser Freude erfüllt, dass ich ganz verschiedene, gehaltvolle Zuschriften bekommen habe. Ich finde sie bedenkenswert. Einige gekürzte Beispiele:  

1. Es ist nicht Gott, der straft. Es ist der Mensch, der sich durch sein Verhalten in die Bredouille bringt. Gott hat die Menschen früher durch die Propheten gewarnt. Heute ist es Aufgabe der Theologen aufzuzeigen, dass sich der Mensch durch seine Regelverstösse Probleme schafft.

2. Ich glaube, er will uns gar nichts sagen. Denn wenn Corona eine chiffrierte, verborgene Sprachsendung an uns wäre, dann wäre er doch ein ziemlich unheimlicher Kerl, der solche schlimmen Sachen braucht, um uns etwas zu sagen.

3. Gott – oder das Schicksal – hat uns eine Atempause in der Atemlosigkeit der modernen Welt verschafft; wir sollten sie dafür nutzen, uns Gedanken darüber zu machen, was wirklich wichtig ist, was wirklich zählt im Leben und in was für einer Gesellschaft wir leben möchten.

4. Ja, Gott will uns mit dieser Krise sagen: «Wachet auf, respektiert mich und meine Erde! Ich will das Beste für euch, eine bewohnbare Welt. Und was habt ihr daraus gemacht? Ich schickte euch Greta Thunberg und ihr habt nicht auf sie gehört. Ihr schafft es aus eigenem Antrieb nicht, euch der Zerstörung meiner Erde entgegenzustellen! So schicke ich euch das Corona Virus, das eine globale Katastrophe ausgelöst hat, die ihr euch mit eurer masslosen Lebensweise selbst eingebrockt habt. Wird sie euch zur Umkehr bewegen?»

5. Mit Corona zeigt uns Gott die grosse Unsicherheit, der wir ausgesetzt sind. Und zwar geht es nicht um Gut und Böse, nicht um einen fassbaren «Feind». Es ist das Unbekannte, örtlich Umfassende und zeitlich Unbestimmte, das uns niederdrückt. Dem steht die Fülle an Daten und Theorien gegenüber, die aber nicht hilft, sondern die Menschen in wissenschaftlichem Streit und in Diskussionen über den Sinn der getroffenen Massnahmen sich verlieren lässt. Für die mit Corona verbundene Angst gibt es keinen menschlichen Trost, sie kann nur im Gebet vor Gott niedergelegt werden.

6. Seit ein paar Jahren spüre ich: So geht es nicht weiter! Wir alle wissen, es muss sich etwas ändern, wir müssen anders miteinander umgehen, die Luft ist aufgeladen wie vor einem Gewitter. Oder mit anderen Worten, irgendwie habe ich schon länger das Gefühl, Gott will uns etwas sagen, aber wir verstehen es noch nicht. Der Lärm, den wir Menschen produzieren, ist immer noch zu laut. 

7. Möglicherweise ist Corona unsere Freundin, die uns zeigt, was uns wirklich wichtig ist, wie lächerlich unser Konsumverhalten und unser Streben nach Mehr und immer noch Mehr ist und wie wenig uns eigentlich genug ist. Vielleicht können wir unsere Haltung – die gerade der eines zweijährigen Kindes gleicht; mit der Aussage «ich will aber jetzt» – ablegen. Ich schreibe bewusst im wir, weil es uns alle betrifft. Jeden auf eine andere Weise, aber uns alle in irgendeiner Form. Und ich wünsche mir sehr, dass wir diesen Schritt alle gemeinsam schaffen, so verschieden wir auch sind. Bisher hatte ich nie den Eindruck, dass Gott in dieser Grössenordnung in das Erleben der Menschen eingreift. Aber vielleicht tut er das gerade wirklich. Vielleicht war es noch nie so dringend nötig wie jetzt.

In diesen ungewissen Zeiten, da wir für eine längere Dauer nicht wissen werden, wie es weitergeht, scheint es mir besonders wichtig, dass wir uns vertieft Gedanken machen, aufeinander hören, miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen!

4 Kommentare zu „Will Gott uns mit der globalen Corona-Krise etwas sagen?

  1. Das virale Prinzip ist in der Biosphäre immer schon angelegt gewesen und hat den Monokulturen eine Wachstumsgrenze gesetzt, sodass die Diversität und regionale Entfaltung aller Lebewesen gewahrt wurde. Was die Wirtschaft und ihre Apologeten ignoriert haben in den letzten Jahrzehnten: Viren sind Hoffnungsträger für den Erhalt der Vielfalt in der Schöpfung, sie sind ein Teil davon. Man hatte ihre Wandlungsfähigkeit unterschätzt. Nun haben sie sich in Erinnerung gerufen, sodass neue Impfstoffen wiederum entwickelt werden müssen – und auch der weltweite Austausch ausgebremst.

  2. Ist es denn wirklich nötig, nach einem tieferen Sinn zu fragen? Allein die Frage impliziert, es gäbe einen tieferen Sinn. Sonst wäre sie ja überflüssig.( Was sie nach m.E. auch ist.) Wer in CoVid-19 ein göttliches Zeichen sieht, instrumentalisiert einen Virus für die eigenen Zwecke. Die Spekulationen verraten dann mehr über Eigeninteressen, als über theologisch fundiertes Denken. Mit solchen Fragen zu hantieren, öffnet der Spekulation Tür und Tor. Da ist dann der Tun-Ergehens-Zusammenhang nicht weit. Und Strafe und Gericht und was sonst noch im theologischen Giftschrank der Manipulationen zu finden ist. Bitte, so nicht!

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