«Die Corona-Leugner sind nicht offen für Verwandlung»

Musikalische Lesung mit Anselm Grün in der Kirche Oerlikon.

Sein Verstand ist messerscharf, sein Schreibtempo schwindelerregend. Am 23. Oktober macht Benediktinerpater Anselm Grün für eine musikalische Lesung in Zürich Halt. Was denkt er über die Schweiz? Und wie steht er zum Klimawandel und den Corona-Leugnern? Wir haben ihn gefragt.

Der Benediktinerpater Anselm Grün ist mehr als ein Medienpater, der Wohlfühl-Spiritualität verströmt: Er ist ein Intellektueller, der sich regelmässig in gesellschaftliche Debatten einschaltet. So spricht er sich zum Beispiel gegen das Zölibat in der katholischen Kirche aus und hält Bischöfinnen und Päpstinnen für möglich. Am 23. Oktober macht er während des Buchfestivals «Zürich liest» für eine musikalische Lesung in Zürich Halt. Wir haben Anselm Grün im Vorfeld nach seinen Gedanken gefragt. Von A wie Älterwerden über C wie Corona-Leugner bis Z wie Zweifeln.

Herr Grün, was denken Sie …

… über das Älterwerden?

Es ist eine Kunst, älter zu werden. Sie will geübt werden. Das Alte hat neue Chancen: Gelassenheit, Weisheit, Dankbarkeit.

… über Corona-Leugner?
Sie wollen die Realität nicht sehen, weil sie möchten, dass alles so weiter geht wie bisher. Sie sind nicht offen für Verwandlung.

… über Freundschaft?

Freundschaft ist ein hoher Wert. Augustinus sagt einmal: Ohne Freund kommt einem nichts freundlich vor in dieser Welt.

… über den Generationenkonflikt?

Wie eine Gesellschaft mit dem Generationenkonflikt umgeht, zeigt ihre Reife oder Unreife. Es ist eine Chance, dass die Generationen sich miteinander auseinandersetzen.

… über Heimweh?

Jetzt im Alter kenne ich kein Heimweh mehr. Da bin ich bei mir daheim.

… über den Klimawandel?

Es ist ein ernstes Thema, dem wir uns stellen müssen. Neben rationalen Gründen braucht es auch eine spirituelle Erfahrung mit der Natur, um sich wirklich für die Natur einzusetzen, um den Klimawandel aufzuhalten.

… über das Lachen?
Ist wichtig für die Gesundheit. Und es relativiert unsere Probleme.

… über das Reisen?

Das Reisen erweitert den Denkhorizont des Menschen. Aber die Corona-Krise zeigt uns auch die Grenzen des Reisens auf.

… über die Schweiz?
Ein liberales und freundliches Land.

… über Selbstisolation?
Wer sich selbst isoliert, schneidet sich vom Leben ab

… über Selbstzweifel?
Selbstzweifel gehören zum Leben. Das hält einen lebendig und bewahrt vor Überheblichkeit.

… über Verzicht?

Ohne Verzicht – so sagt Sigmund Freud – kann niemand ein starkes Ich entwickeln. Verzicht ist auch wichtig, dass wir angesichts des Klimawandels überleben.

… über den Zweifel?
Der Zweifel gehört wesentlich zum Glauben. Er lädt uns ein, unseren Glauben so zu formulieren, dass unser Verstand befriedigt wird. Ich will auch verstehen, was ich glaube.

Foto: Julia Martin, Abtei Münsterschwarzach

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