Gleichgeschlechtliche Liebe und die Kirchen

Vize-Kirchenpflegepräsident Michael Braunschweig ist Mitherausgeber des Sammelbands «Gleichgeschlechtliche Liebe und die Kirchen – zum Umgang mit homosexuellen Partnerschaften».

Seine Leidenschaft ist der Dialog – schliesslich war Michael Braunschweig neben seinem Amt als Vizepräsident der reformierten Kirchgemeinde Zürich bis vor Kurzem Leiter der Fachstelle «Reformierte im Dialog» der reformierten Kirche Bern. Dort war es seine Aufgabe, den Austausch der Kirchen mit Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur zu fördern und gesellschaftliche Wertediskussionen anzustossen.

Die Beiträge des Sammelbands «Gleichgeschlechtliche Liebe und die Kirchen – zum Umgang mit homosexuellen Partnerschaften» gehen auf eine Tagung zurück, zu der die Fachstelle im Jahr 2018 verschiedenste Vertreter der reformierten und katholischen Kirche sowie aus Politik und Gesellschaft eingeladen hatte. Thema der Tagung war die Frage, was die Öffnung der Eehe für gleichgeschlechtliche Paaren für das Eheverständnis der Kirchen bedeutet. Die Autorinnen und Autoren geben Einblick in den aktuellen Stand der Diskussion in Theologie, Kirche und Gesellschaft, aus der Perspektive der Systematischen und Praktischen Theologie, der Exegese und den Sozialwissenschaften.

Homosexualität und das Neue Testament

«Die Texte zeigen die ganze Breite dieses teilweise hoch komplexen Themas auf», sagt Theologe Michael Braunschweig. Historische Bezüge wie die Beschreibung des ersten Segnungsrituals eines gleichgeschlechtlichen Paares finden darin genauso Platz wie die Frage, welchen Einfluss die Neuerungen auf Politik und Rechtsprechung hatten und wie sich die Bibel zu Homosexualität positioniert.

«Der neutestamentliche Beitrag zeigt beispielsweise auf, dass sich die Bibel gegenüber der homosexuellen Praxis zurückhaltend bis ablehnend äussert», so Michael Braunschweig. Doch spreche man hier von zwei sehr unterschiedlich gelagerten Phänomenen: «Was wir heute unter homosexuellen Partnerschaften im Zusammenhang mit der Ehediskussion verstehen, sind anhaltende, verlässliche Lebensgemeinschaften von Menschen des gleichen Geschlechts – eine solche Vorstellung ist der Entstehungszeit des Neuen Testaments vollkommen fremd. Das drückt sich auch in den Texten aus, die nur von sexuellen Handlungen zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts sprechen – und diese in der Regel als pervers ablehnen.»

Beitrag zur eigenständigen Meinungsbildung

Segnungsfeiern zwischen Frauen und Frauen sowie Männern und Männern sind in der reformierten Kirche seit dreissig Jahren gelebte Praxis. Nun will die Politik die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare auch im Zivilrecht verankern – wogegen das Referendum erhoben wurde. Michael Braunschweig fühlt sich davon überhaupt nicht brüskiert: «Es werden Gesetze geändert mit weitreichender Bedeutung für das Familienbild, daher finde ich eine Volksabstimmung völlig legitim.» Es sei auch eine Chance, die Diskussion über das Recht auf Eheschliessung von homosexuellen Paaren in die breite Bevölkerung zu tragen.

Der Erscheinungszeitpunkt des Buches im Programm des Theologischen Verlags Zürich falle rein zufällig mit der anstehenden Abstimmung zusammen. Michael Braunschweig: «Unser Buch ist für Menschen gedacht, die sich gern mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.» Ein «Ja» an den Urnen für die «Ehe für alle» hätte Braunschweig zufolge für die Betroffenen symbolisch eine grosse Bedeutung, «für die reformierte Kirche wäre es bloss eine Umbenennung eines theologischen Rituals: Aus einer Segnungsfeier wird dann eine Trauungsfeier.» Wann dies soweit sein wird, möchte Michael Braunschweig nicht voraussagen.


Über Michael Braunschweig:

Der promovierte Ethiker ist Oberassistent am Institut für Sozialethik an der Universität Zürich und Vizepräsident der Kirchenpflege. Zuvor war er Mitglied der Gesamtprojektleitung der Reform der Zürcher Kirchgemeinde, Präsident der Kirchenkreiskommission vier fünf sowie Delegierter im Kirchgemeindeparlament. Privat ist er verheiratet und hat dreijährige Zwillinge. Seinem Ehemann hat er in Chicago das Jawort gegeben.

Über das Buch:

Gleichgeschlechtliche Liebe und die Kirchen – zum Umgang mit homosexuellen Partnerschaften
Michael U. Braunschweig, Isabelle Noth und Mathias Tanner
Theologischer Verlag Zürich
, 2021, 188 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-290-18366-0, CHF 29.80

Schreibe einen Kommentar