«Ich habe es vermisst, verschiedene Ansichten zu hören»

Die Kontaktbeschränkungen sind gerade in der wichtigen Lebensphase der Jugend sehr hart. Aber mit Kreativität und Mut lassen sich oft gangbare Lösungen finden. Quelle: Diego Petraccini

Rahel Bewersdorff ist 16 Jahre alt und besucht die dritte Sekundarschule im Schulhaus Riedenhalden. Am schlimmsten an Corona war für sie, dass ihre Eltern sie zeitweise nur noch eine Person treffen liessen.  

Rahel Bewersdorff. Quelle: Das Bild wurde uns zur Verfügung gestellt.

Wie hast du die Corona-Zeit bisher erlebt?
Meine Eltern hatten grosse Angst und haben strenge Regeln aufgestellt. Ich durfte zeitweise nur noch eine Person treffen. Das war eine sehr gute Kollegin von mir – ihre Ansichten kenne ich jetzt in- und auswendig. Aber mit der Zeit habe ich es vermisst, verschiedene Meinungen zu hören. Sehr häufig habe ich mit Kolleginnen und Kollegen telefoniert – viel mehr als sonst.

Was hat dir geholfen, gut durch diese Zeit zu kommen?
Dass wir im Kollegenkreis sehr schnell damit begonnen haben, uns online via Zoom zu treffen. Doch im Unterschied zum realen Leben haben wir uns eher nur erzählt, was wir so gemacht haben und – blöd gesagt – nicht so tiefgründige Themen besprochen.

Hast du Zukunftssorgen?
Zum Glück habe ich sehr schnell eine Lehre gefunden. Ich werde Zimmerin. Während meiner ersten Schnupperlehre kam die Ankündigung, dass wir ins Homeschooling gehen. Nach den Sommerferien konnte ich dann drei Tage in meinem jetzigen Lehrbetrieb schnuppern. Am Ende der Woche hatte ich die Zusage.

Gratuliere! Was gefällt dir am Beruf der Zimmerin?
Für mich war es klar, dass ich einen Beruf ausüben möchte, in dem ich mich bewegen kann. Ich mag es, wenn ich am Ende des Tages sehe, was ich gemacht habe. Ich freue mich sehr auf die Lehre, habe mich auch extrem gut mit dem Lehrmeister verstanden. Nur von den Kolleginnen und Kollegen Abschied zu nehmen, fällt mir schwer.

Dann kannst du dich ja jetzt in der Schule zurücklehnen.
Nach der Zusage haben meine schulischen Leistungen extrem nachgelassen. Da hat mein Lehrer zu Hause angerufen. Im Nachhinein war das gut – obwohl es in dem Moment extrem doof war, dass er angerufen hat. Aber jetzt sind meine Leistungen wieder besser.

Denkst du, dass du dich als Frau in einem Männerberuf mehr beweisen musst?
Während der Schnupperlehre haben mich alle sehr gut behandelt, niemand hat einen dummen Spruch gemacht. Aber ich werde sicher meine Begegnungen mit diesem Thema haben. Davor habe ich aber keine Angst, denn ich kann meine Meinung gut vertreten – und ich kann auch abschätzen, wann es besser ist, eine Bemerkung besser zu ignorieren.

Wie wichtig ist für dich der Jugendtreff?
Ich gehe sehr gern hin. Wir sind eine mega coole Gruppe. Vor Corona sind wir auch oft am Freitagabend hingegangen. Das vermisse ich. Da kamen dann auch noch die älteren, die sich freiwillig engagieren. In der Kirche gibt es viele tolle Menschen, die Dynamik stimmt. Was es für Jugendangebote ausserhalb der Kirche gibt, weiss ich gar nicht so genau.

Wenn du ein Problem hättest – würdest du einen der Jugendarbeiter*innen um Rat fragen?
Natürlich. Bisher war das noch nie der Fall, aber das würde ich sofort machen, wenn mich etwas nicht mehr loslassen würde.

Danke für das Gespräch!

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