«Die Ehrlichkeit der Psalmen»

Das Ensemble Ultra Schall gestaltet am Sonntag, 21. März den Online-Gottesdienst gemeinsam mit Pfarrerin Dinah Hess. Quelle: Jutta Lang

Am 21. März wird im Fraumünster ein Musikgottesdienst uraufgeführt. Sängerinnen, Musiker und Tänzer interpretieren den Psalm 1 des Psalters künstlerisch und übertragen ihn ins Heute. Den Anstoss dafür gab unsere laufende Serie über Lieblingspsalmen.

Es war unsere Serie über Lieblingspsalmen, die zu dieser ganz besonderen Zusammenarbeit führte. «Ich habe die Serie im reformiert.lokal gesehen und gedacht: «Da ist ja noch jemand anders am Psalmen-Thema dran!», erzählt Initiantin Julia Medugno.

Mit dem Projekt «Mal ehrlich! P S A L M E N » möchte die Choreographin und Sängerin zeitgenössische Formen des Psalmen-Gebets erproben und entwickeln – mit wechselnden Formationen von Tänzern, Musikerinnen, Literaten, Sprechern, visuellen Künstlerinnen und Schauspielern. Den Anfang macht sie mit ihrem Ensemble im Rahmen eines Online-Gottesdienst im Fraumünster (Ausstrahlung: 21. März). Drei Musiker vertonen mit Orgel, Cello, Violine und Gesang Stücke aus unterschiedlichen Epochen, die vom Psalm 1 inspiriert sind. Tänzer und Schauspieler verkörpern ihn tänzerisch. «Ich bin sehr dankbar dafür, wie spontan und offen die Reformierte Kirchgemeinde Zürich für diese unkonventionelle Idee Raum und Möglichkeit geschaffen hat», so Julia Medugno. Pfarrerin Dinah Hess von der Migrationskirche wird das Thema in einer Predigt vertiefen und eine Brücke zur heutigen Zeit schlagen.

Dreissig Werke pro Psalm
«Es gibt 150 Psalmen – ich will sie am liebsten alle künstlerisch umsetzen», sagt Julia Medugno und lacht. Daher sei es für sie auch die logische Konsequenz gewesen, mit dem Psalm 1 zu beginnen. Ihr Wunsch ist es, dass daraus eine Bewegung entsteht und sich auch andere Künstlergruppen an die zeitgenössische Interpretation von Psalmen wagen. Die Choreografin und Sängerin ist in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Sie wusste also schon früh, dass Psalmen durch alle Epochen der Musikgeschichte immer wieder von Musikerinnen und Musikern interpretiert wurden. «Durch meine Recherche fand ich heraus, dass es teilweise dreissig Werke pro Psalm gibt. Das hat dann auch mich überrascht.»

Bei den geplanten Events für die Serie «Mal Ehrlich! P S A L M E N» soll während der Performance Raum entstehen für Interaktionen mit den Zuhörenden. «Der Gottesdienst am Sonntagmorgen unter dem heiligen Dach der Kirche ist nicht unbedingt der Ort, an dem man seinem Frust freien Lauf lässt. Doch ganz viele der Psalmen sind auch Klagepsalmen», so Julia Medugno. «Die Ehrlichkeit daran hat mich fasziniert.» Die Besucherinnen und Besucher sollen sich aktiv einbringen können. Sie möchte einen Ort schaffen, wo auch persönlicher Frust, Enttäuschungen oder Klagen über fehlende Unterstützung in der momentanen Lebenssituation Platz haben. In der heutigen Gesellschaft müsse man immer gut dastehen. «Die wenigsten verkünden auf den Social-Media-Kanälen, dass sie sich als Versagerinnen oder Versager fühlen oder sich genieren.» Und genau hier seien die Psalmen ein Riesen-Vorbild.

Die grösste Herausforderung in der Umsetzung war dann Julia Medugno zufolge der Psalm 1 selbst – kein klassischer Klagepsalm. Der Psalm sei sehr schwarz-weiss und rege daher zum Nachdenken darüber an, wer man selber sei und was man wolle. «Wir haben in der Gruppe schon diskutiert, wer die Gottlosen sind.» Doch jeder wähle den Weg mit oder ohne Gott selbst. Medugno: «Schwarz-weiss geht mitten durch unser eigenes Herz. Wo stehe, gehe oder sitze ich? Auf wen höre ich? Was wähle ich? An was habe ich Lust? Was für Früchte habe ich?»


Der erste Psalmen-Event kann im Moment nicht als Live-Performance stattfinden. Stattdessen wird sie im Rahmen des Online-Gottesdienstes gezeigt. Ausstrahlung: 21. März 2021

Im Moment sucht Julia Medugno zusammen mit dem Basler Theologen Beat Rink Partner für Kirchenräume sowie Träger und Sponsoren.

Link zum Ensemble Ultra Schall.

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