Echte Begegnung «to go»

Spazierengehen ist in Corona-Zeiten beliebt wie noch nie. Mit «Pastor to go» bieten die Citykirche offener St. Jakob und die Johanneskirche neu die Möglichkeit, neben einem Becher Kaffee auch noch eine Pfarrperson mit auf den Weg zu nehmen.

Auf seinem Lieblingsweg flanieren und einen Menschen dabeihaben, der zuhört, Verständnis zeigt und vielleicht sogar den einen oder anderen Ratschlag gibt: Die Pfarrpersonen der Citykirche offener St. Jakob und der Johanneskirche stellen sich neu als Wegbegleiterinnen und -begleiter zur Verfügung. Ähnlich wie ein «Coffee to go» kann man sich so quasi «im Vorbeigehen» eine Pfarrperson schnappen und ein Stück des Weges entlang der Sihl oder der Limmat gemeinsam gehen. Ein offenes Ohr und Herz können manchmal helfen, eine gute Entscheidung zu treffen oder wieder mehr Lebensmut zu spüren, heisst es auf dem Flyer für das neue Angebot. Pfarrerin Ulrike Müller ist überzeugt, dass der pfiffige Titel viel zur guten Aufnahme des Angebots beigetragen hat. Denn: In der Herangehensweise unterscheidet sich ein solcher Spaziergang nicht von einem seelsorgerischen Gespräch. «Doch allein das Wort Seelsorgegespräch deutet an, dass man ein riesiges Problem haben muss», so die Pfarrerin.

Ein Spaziergang gelte als leichte, unbelastete Form, zudem sei es etwas völlig anderes, nebeneinander her zu gehen, als wenn man sich in einem geschlossenen Raum gegenübersitze. «Die Bewegung macht etwas», sagt Ulrike Müller, «im Gehen kommt manches in Fluss.» Sie warte zuerst einmal ab, was so komme, erzählt die Pfarrerin aus ihrer Praxis, und versuche dann in einem zweiten Schritt etwas tiefer zu gehen. Vor peinlichen Gesprächspausen hat die erfahrene Pfarrperson keine Angst – im Gegenteil: «Es ist gar nicht schlecht, wenn etwas ins Stocken gerät.» Das seien in einem tiefen Gespräch wichtige Anhaltspunkte für sie als Seelsorgerin. Es gehe auch darum, die Stille auszuhalten. Dabei hat sie die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihr Interesse am Angebot nicht direkt äussern, sondern eher beiläufig eine Bemerkung fallen lassen. Ihre Aufgabe sei es dann, nachzuhaken. Dafür brauche es einen Link, ein Art Eisbrecher – wie die Brotverteilaktion im Februar.

Frisch gebackenes Brot als Geschenk

Dabei begaben sich die Pfarrpersonen Kristian Joób, Verena Mühlethaler, Ulrike Müller, Patrick Schwarzenbach und Liv Zumstein sowie die Sozialdiakoninnen Monika Golling und Beatrice Binder hinein in die Quartiere der Kirchenkreise vier und fünf und brachten frisch gebackenes Brot in die Häuser und Wohnungen. «Die Menschen reagierten sehr überrascht», erzählt Ulrike Müller. Für viele sei es im Home-Office oder in der Quarantäne eine willkommene Abwechslung gewesen. «Am ersten und zweiten Tag haben wir viele junge Leute angetroffen. Sie zeigten sich erstaunt und fanden es cool, dass die Kirche so etwas macht.» Zwischen Tür und Angel ergaben sich manche Gespräche, eine junge Familie erwägt, das Neugeborene zu taufen und informierte sich über die Möglichkeiten, ein Mann berichtete aus seinem Arbeitsalltag als Arzt und von der Einsamkeit, der er tagtäglich begegne. Eine Reaktion hat sich Ulrike Müller besonders eingeprägt: «Eine Frau zeigte sich sehr berührt darüber, dass sie für die reformierte Kirchgemeinde Zürich überhaupt existiert.» Wenn die Menschen nicht zu Hause waren, legten sie das Brot in den Briefkasten, worauf viele Anrufe und E-Mails bei den Pfarrämtern eingingen – von Beschenkten, die sich bedanken wollten.

Nach 1000 verteilten Broten in der Johanneskirche und 420 Laiben im St. Jakob ist das Pfarrteam überwältigt vom durchschlagenden Erfolg der Aktion. Denn im Vorfeld gab es durchaus Bedenken: So unangemeldet an den Haustüren zu klingeln – sie hätten sich gefragt, ob das nicht zu aufdringlich wirke. Keinesfalls wollten die Pfarrpersonen in die Sekten-Schublade gesteckt werden. «Dank der Verteilaktion konnten wir nun die eigenen negativen Bilder im Kopf abstreifen. Ich glaube, das hat uns alle in unserer Arbeit weitergebracht», bilanziert Ulrike Müller. Die Menschen in den Kirchgemeinden hätten für sie ein Gesicht bekommen – und das sei ein riesiges Geschenk. «Mich nicht hinter dem Schreibtisch oder dem Computer zu verkriechen, sondern nach draussen zu gehen und mit den Menschen in Kontakt treten: Das gehört zu meinem Selbstverständnis als Pfarrerin.»

Pfarrpersonen sind dem Seelsorger*innengeheimnis verpflichtet – das Besprochene bleibt geheim. Um ein kostenloses Seelsorgegespräch zu vereinbaren, können Sie sich direkt mit den Pfarrerinnen und Pfarrern im Kirchenkreis vier fünf in Verbindung setzen. Alternativ können Sie sich auch an die Sekretariate wenden:

Sekretariat Citykirche St. Jakob: 044 241 44 21
Sekretariat Johanneskirche: 044 275 20 10

E-Mail: administration.kk.vierfuenf@reformiert-zuerich.ch

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