«Gottes Licht rettet uns» – Mein Lieblingspsalm

Kurze Gebete, religiöse Lieder oder kleine Gedichte: Das sind Psalmen. Barbara Oberholzer, Spitalseelsorgerin am Unispital Zürich, hat uns ihren Lieblingspsalm verraten. Es ist der Psalm 139, daraus die Verse 7-12 – eine inspirierende Hymne an Gott und sein wunderbares Werk, den Menschen.

Haben Sie auch einen Lieblingspsalm? Melden Sie sich bei uns! Wir stellen in loser Folge einige dieser religiösen Lieder, Gebete beziehungsweise Gedichte vor. Ausgesucht wurden sie von Mitarbeitenden oder Mitgliedern der reformierten Kirchgemeinde Zürich. Psalmen können Trost spenden. Oder sie helfen, die Beziehung zu Gott zu vertiefen. Ein grosser Teil der Psalmen ist im sogenannten Psalter enthalten. Dieses Buch der Psalmen enthält 150 Gedichte, Lieder und Gebete, die Psalmen. Halten Sie mit uns einen Moment inne und lassen Sie den folgenden Psalm auf sich wirken.

7 Wohin kann ich gehen vor deinem Geist,
wohin fliehen vor deinem Angesicht?
8 Stiege ich hinauf in den Himmel – du bist dort;
Schlüge ich im Totenreich mein Bett auf – sieh: Du bist da!
9 Nähme ich die Flügel des Morgenrots
Und liesse mich nieder am äussersten Meer,
10 auch dort würde deine Hand mich leiten
und deine Rechte mich festhalten.
11 Sagte ich: Nur Finsternis möge mich verbergen
Und Nacht sei das Licht um mich her –
12 Auch Finsternis würde für dich nicht finster sein,
und die Nacht würde leuchten wie der Tag.
(Übersetzung: «Bibel in gerechter Sprache», Gütersloh 2011)

Der ganze Psalm 139 ist bis auf ganz wenige Verse wunderschön: poetisch, bewegend, eine inspirierende Hymne an Gott und sein wunderbares Werk – den Menschen. Warum beeindrucken mich grad die Verse sieben bis zwölf so besonders? In diesen schwingt auch etwas vom Gebrochensein des Menschen mit. Von seiner Ambivalenz. Ich kenne auch andere Gedanken. Erwäge zu fliehen vor Gott, die Beziehung abzubrechen, mich selbst aufzugeben, mich zu zerstören. Andere vielleicht auch.

«Nur Finsternis möge mich verbergen» – dieser Vers wird gern bei Abdankungen nach einem Suizid gelesen. Die ganze Finsternis des Lebens klingt in ihm an: Depressionen, Verzweiflung, Gewalt gegen sich und andere. Doch das ist zum Glück nicht alles. Es folgt der grandiose Schluss. Gottes Licht ist ganz anders. Gott ist ganz anders. Er lässt sich nicht beeinflussen von unserer Dunkelheit. Es ist nicht möglich, die Beziehung zu Gott zu kappen. Es ist nicht möglich, Gottes Licht zu verdunkeln und in seiner eigenen Nacht zu verschwinden. Gottes Licht leuchtet und rettet uns, auch wenn wir es nicht wahrnehmen. Daran glaubte der Psalmist. Daran glaube ich.

Barbara Oberholzer, Pfarrerin und Spitalseelsorgerin am Unispital Zürich

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