«Hoffnung trotz allem» – Mein Lieblingspsalm

Kurze Gebete, religiöse Lieder oder kleine Gedichte: Das sind Psalmen. Oft enden sie mit einem Hoffnungssatz. Aber nicht immer. Der 88. Psalm ist der Lieblingspsalm von Kirchenrat Michel Müller. Für ihn ist er der vielleicht sogar ehrlichste Psalm!

Haben Sie auch einen Lieblingspsalm? Wir stellen in loser Folge einige dieser religiösen Lieder, Gebete beziehungsweise Gedichte vor. Ausgesucht wurden sie von Mitarbeitenden der reformierten Kirchgemeinde Zürich. Psalmen können Trost spenden. Oder sie helfen, die Beziehung zu Gott zu vertiefen. Ein grosser Teil der Psalmen ist im sogenannten Psalter enthalten. Dieses Buch der Psalmen enthält 150 Gedichte, Lieder und Gebete, die Psalmen. Halten Sie mit uns einen Moment inne und lassen Sie den folgenden Psalm auf sich wirken. Aber Vorsicht: Dieser Psalm ist «heavy stuff», es braucht auch Nerven, ihn zu lesen.

1 Ein Lied. Ein Psalm der Korachiter. Für den Chormeister. Nach der Weise «machalat» zu singen. Ein Weisheitslied Hemans, des Esrachiters.
2 HERR, Gott meiner Rettung, bei Tage schreie ich, des Nachts stehe ich vor dir.
3 Mein Gebet gelange zu dir, neige dein Ohr meinem Flehn.
4 Denn ich bin mit Leiden gesättigt, und mein Leben ist dem Totenreich nahe.
5 Ich zähle zu denen, die zur Grube hinabsteigen, bin wie ein kraftloser Mann,
6 ausgestossen unter die Toten, Erschlagenen gleich, die im Grabe liegen, deren du nicht mehr gedenkst; von deiner Hand sind sie getrennt.
7 Du hast mich hinunter in die Grube gebracht, in Finsternis und Tiefe.
8 Dein Grimm lastet auf mir, und mit allen deinen Brandungen hast du mich niedergeworfen. Sela
9 Meine Vertrauten hast du mir entfremdet, hast mich ihnen zum Abscheu gemacht. Eingeschlossen bin ich, komme nicht hinaus,
10 mein Auge vergeht vor Elend. Ich rufe zu dir, HERR, allezeit, strecke meine Hände aus nach dir.
11 Tust du an den Toten Wunder, stehen Schatten auf, dich zu preisen? Sela
12 Wird deine Güte im Grab verkündet, deine Treue im Abgrund?
13 Werden deine Wunder in der Finsternis kund und deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?
14 Ich aber schreie zu dir, HERR, mein Gebet kommt vor dich am Morgen.
15 Warum, HERR, verstösst du mich, verbirgst dein Angesicht vor mir?
16 Elend bin ich und krank zum Tode von Jugend auf, schutzlos deinem Schrecken ausgesetzt.
17 Deine Zornesgluten sind über mich gekommen, deine Schrecknisse haben mich vernichtet.
18 Sie umgeben mich wie Wasser den ganzen Tag, umfluten mich ganz und gar.
19 Entfremdet hast du mir Freund und Gefährten, mein Vertrauter ist die Finsternis.
(Psalm 88, Übersetzung «Zürcher Bibel»)

«Da steht jede erdenkliche Not, jedes mögliche Leiden drin. Fast nicht auszuhalten. Genauso, wie es manchmal nicht auszuhalten ist, wenn jemand klagt, jammert oder gar schreit. Da möchte man irgendetwas Gutes sagen: Es geht vorbei, es wird alles gut, Gott ist bei dir. Oder so. Aber stimmt das wirklich? Vielleicht schon, später einmal, irgendwann, wenn man zurückblickt. Aber jetzt grad, mitten im Leid scheint Schweigen manchmal das einzig mögliche. Schweigen, aber nicht allein. Irgendeiner ist doch da, auch wenn ich ihn nicht spüre. Irgendwo muss er sein, dieser ‹liebe› Gott. Was nützt es ihm, wenn ich tot bin?

Psalm 88 ist wahnsinnig ehrlich. Manchmal scheint keine Hoffnung mehr da zu sein, und ob Gott lieb, gerecht, barmherzig ist: Wer weiss es? Aber ich lasse nicht los, auch wenn ich zweifle, hadere, klage, wenn mich niemand mehr versteht: Dich, Gott, lasse ich nicht los! So bin ich ganz nahe dem, der schrie: Mein Gott, warum hast du mich verlassen. Er ist bei mir!»

Kirchenrat der reformierten Landeskirche Zürich


Michel Müller ist Kirchenratspräsident und predigt regelmässig im Fraumünster und im Grossmünster.

2 Kommentare zum Beitrag “«Hoffnung trotz allem» – Mein Lieblingspsalm”

  1. Toller Text!
    Als Theologe möchte ich aber noch tiefer gehen und nachfragen:
    Wie merke ich denn, dass Gott da ist? Oder ist das bloss ein „frommer“ Wunsch, eine Autosuggestion? Vielleicht muss ich da zuerst klären, was „Gott“ ist?
    Was meint den unser Kirchenratspräsident dazu?

    Liebe Grüsse aus der Agglo

    Roland

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    • Da ist dann eben kein „merken“ und „spüren“ mehr, was Gott allein ins „Gefühl“ und in die manchmal auch plumpe Erfahrbarkeit versorgt. Gott ist nur noch „in der Abwesenheit anwesend“, im Bekenntnis, in der Stellvertretung durch einen anwesenden Menschen, letztlich in Christus, dem Stellvertreter, eben im „trotz“.

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