Die Sache mit dem Apfel

Paradiesisches Aktzeichnen in der Johanneskirche. Quelle: Edita Truninger

Paradiesisches Aktzeichnen in der Kirche – darf man das? Ja klar! An einem vielfältigen Kunsthappening in der Johanneskirche brachten Hobbykünstlerinnen und -künstler mit dem Kohlestift Szenen aus der biblischen Paradieserzählung aufs Papier. Die parallel dazu vorgetragenen Gedichte loteten die Begriffe von Scham und Sünde aus.

Es sieht aus, als würden die beiden nackten Menschen geradewegs mit dem grossformatigen Foto hinter dem Taufstein verschmelzen: Zwei Aktmodelle, Adam und Eva – das Urmenschenpaar – fühlen sich magisch vom Apfel am Baum der Erkenntnis angezogen und verharren in dieser Pose – fünf Minuten lang. Eine konzentrierte Stille legt sich auf den sakralen Raum, von den rund zwanzig Teilnehmenden ist nur das Geräusch von Bleistift- oder Kohlestrichen auf Papier zu hören.

In regelmässigen Abständen hebt sich der Blick zu den Modellen, um sich gleich darauf wieder aufs Blatt zu senken. Unter der Bleistiftspitze entstehen Körperteile, die sich zu einem Ganzen fügen: Evas Schulter, Adams Lenden, ihre Scham. Und – natürlich – der Apfel. Er symbolisiert das grosse Versprechen, das Gott den beiden Urmenschen in ihrem unschuldigen Zustand macht: Durch das Kosten des Apfels werden ihnen die Augen aufgehen, um fortan fähig zu sein, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Kunstinstallation gab Anstoss

Ein Versprechen liegt laut den anwesenden Künstlern huber.huber auch im Kunstwerk «Energy – oder das verlorene Paradies» zugrunde, das seit einem halben Jahr die Wand hinter dem Taufstein der Johanneskirche verschönert. Darauf zu sehen sind leicht bekleidete Menschen, die in einer kroatischen Bucht ihre Ferien geniessen. «Googelt man diesen Ort, verspricht er Entspannung», sagen die Künstler. Doch mit den Menschenmassen, die gleichzeitig nach Vergnügen und Abwechslung lechzten, würde niemand rechnen. Viele der Badenden halten ein Handy und fotografieren sich oder ihren Lieblingsmenschen. «Ironischerweise sind auf diesen Ferienfotos wieder nur Einzelpersonen zu sehen, ohne die Menschenmassen», erklären huber.huber.

Die Erzählung aus dem Garten Eden ist eine sehr alte Geschichte und wurde wahrscheinlich von ähnlichen Erzählungen aus dem Orient beeinflusst, erzählt Liv Zumstein, Pfarrerin in der Johanneskirche im Kirchenkreis vier fünf. Im Vergleich mit anderen Schöpfungsgeschichten sei es sehr aussergewöhnlich, dass die Schaffung der Frau explizit erwähnt werde. Ihre Rolle als Verführerin wurde ihr in der langen Geschichte des Patriachats immer wieder negativ ausgelegt, führt Verena Mühlethaler aus, Pfarrerin im Offenen St. Jakob. Sie regt dazu an, die beiden Erzählstränge aus der Paradieserzählung – einerseits die sich liebenden Adam und Eva im Paradies und andererseits das mühselige Leben der beiden nach ihrer Vertreibung – nicht chronologisch zu lesen, sondern als Parallelgeschichten. Auch der paradiesische Zustand, d.h. die liebevolle Beziehung, ist immer wieder erfahrbar und nicht ein für alle Mal vorbei. Der Begriff der Sünde hingegen, fügt Pfarrerin Liv Zumstein an, tauche in der Schöpfungsgeschichte nirgends auf.

Die Suche nach dem Feigenblatt

Wie es mit Adam und Eva nach dem Biss in den Apfel weitergeht, wird ebenfalls von den beiden Aktmodellen inszeniert: Sie werden sich ihrer selbst bewusst und beginnen sich voreinander zu schämen. Angesichts der Entstehungsgeschichte der Scham betont Liv Zumstein auch ihre guten Seiten: «Erröten ist kleidsam», hat Oscar Wilde einst gesagt. Als Menschen müssten wir immer wieder abwägen zwischen «ich zeige mich» und «ich verberge mich».  Eine schamlose Gesellschaft hingegen, so Liv Zumstein, gebe die Würde ihrer Mitglieder preis. «Und sie flochten sich Feigenblätter und machten sich Schurze.», heisst es in der Bibel. Da ist es nur folgerichtig, dass die beiden Aktmodelle am Ende des Abends zwei Feigenblätter geschenkt bekammen.

Veranstaltungshinweis:

Nächste Begleitveranstaltung zur Kunstinstallation: «Der Apfel ist schuld!» Ein lustvoller Abend mit Texten und Liedern zum Thema Sünde
Sonntag, 6. Juni, 19 Uhr in der Johanneskirche

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